Die Bürokraten unter den Vögeln resignierten, die kreativen dagegen begannen zu probieren. Von den Blaumeisen war die Rede auf dem Kongress der Linne-Gesellschaft 1956. Sir A. Hardy hatte die merkwürdige Beobachtung gemacht, dass Londoner Meisen jeden Morgen, nachdem der Milchmann seine Milchflaschen abgestellt hatte, die Haustreppen nach einem ganz bestimmten System abflogen. Mit ihren Schnäbeln schlugen die Meisen ein Loch in den Pappverschluss und tranken weg, was auch die Hausfrau schätzt, die Sahne. Eines Tages traten an die Stelle der weichen Pappdeckel Metall-Stülpverschlüsse wie bei Brauseflaschen. Doch irgendwann ist es den rastlosesten und vorlautesten Meisen gelungen, durch unentwegtes Hacken an den Verschlüssen doch einen Zugang zu der begehrten Sahne zu finden. Diese neue Geschicklichkeit breitete sich zuerst in einem bestimmten Stadtteil aus, dann in ganz London und später auch in der gesamten „Meisenpopulation Europas”. Die Meisen waren zu perfekten Verschlussöffnern geworden. Ein Sieg der kreativen Spezies.

Prof. Dr. Klaus Linneweh


Aus: Kreatives Denken. Techniken und Organisation produktiver Kreativität. Kreative Denkprozesse, Problemlöseverhalten, Planungssystematik, Techniken der Ideenfindung, soziale Kreativität